Donnerstag, 18. Juni 2015

Waterloo


Ich war vorgestern bei meinem Hausarzt, um mir wie in jedem Jahr zu dieser Zeit mein Rezept für das Medikament gegen Heuschnupfen abzuholen. Der Heuschnupfen kommt immer pünktlich, zur ➱Kieler Woche ist er da. Ich griff mir im Wartezimmer den Focus und fand eine Seite über Waterloo. Mit einer Graphik und einigen farbigen Pfeilen. Simpler ging es nicht mehr, Geschichte für Hauptschüler, Zahlen über Zahlen. Orte die niemand mehr kennt, und die doch einmal so viel bedeuteten. Da ist der Jahrestag der Schlacht von Waterloo (oder Belle-Alliance) also wieder, zum zweihundertsten Mal.

Der geographische Raum, auf dem die Schlacht stattfand, ist begrenzt groß, man kann ihn auf Karten einzeichnen. Die Zahlen der Kombattanten, die auf den Feldern und Hügeln und in den Wäldern stehen, ist schon unbegreiflich groß. Ich habe am Beginn meiner Dienstzeit an einem der ersten Großmanöver der jungen Bundeswehr teilgenommen. 35.000 Mann bewegten sich da über die Truppenübungsplätze von Munster und Bergen-Hohne. Das Manöver wurde nach fünf Tagen abgebrochen. Wir hatten achtzehn Tote, und es war noch kein einziger scharfer Schuss gefallen. Verkehrsunfälle, Jeeps, die in der Nacht von Panzern überrollt wurden. Am Ende gab es einen Feldgottesdienst. Es wurde nie wieder über dieses Manöver geredet.

Der Generalmajor Bernhard Schwertfeger befand vor 100 Jahren: Vorgreifend sei hier gleich bemerkt, daß eine völlig genaue Darstellung aller Einzelheiten unmöglich ist, wo eine so große Anzahl von Truppen auf einem beschränkten Raum gleichzeitig gefochten hat. Gerade die Fülle der Aussagen von Augenzeugen verwirrt hier die Vorgänge häufig mehr, als sie dieselben klärt. Bekanntlich hat Wellington selbst es für unmöglich erklärt, eine völlig zutreffende Beschreibung von Waterloo zu geben, und eine Schlacht mit einem großen Ball verglichen, von dem die Teilnehmer auch meist nur das wissen, was sie persönlich gesehen und gehört haben. Die größte Schwierigkeit bietet bei jeder Schlachtschilderung immer die Herstellung der richtigen Zusammenhänge in den Begebenheiten nach Zeit und Ort. 

Hundert Jahre später ist man offensichtlich nicht viel weiter, wie der Historiker Johannes Willms in dem neuesten Buch über Waterloo schreibt: Trotz oder gerade wegen der vielen Augenzeugen und Berichte über Verlauf und Ausgang der Schlacht von Waterloo sind die Erzählungen über das Geschehen von zahlreichen Legenden und Wahrnehmungen überlagert, die auch eine spätere Beurteilung und Einordnung des Geschehens beeinflussen. Wahrscheinlich ist deshalb die Beschreibung der Schlacht bei ihm sehr kurz, was viele Leser des Buches mit Enttäuschung feststellen mussten.

Empfehlen kann man dagegen das leider sehr teure Buch von Mark Adkin The Waterloo Companion: The Complete Guide to History's Most Famous Land Battle. Mehr als 180.000 Soldaten waren in der Schlacht. Jeder, der sie überlebt, hat seine eigene Geschichte. Jedes Regiment, hat seine eigene Geschichte, hat seine eigene Schlacht geschlagen. Nüchtern und präzise liest sich der Bericht des Generalstabs der ➱King's German Legion, die zum größten Teil aus hannöverschen Soldaten besteht. Die Wirklichkeit steht zwischen den Namen und Zahlen.

Im Bomann Museum in ➱Celle gedenkt man in diesem Jahr mit einer Ausstellung der Hannoveraner, und der Text über die King's German Legion von ➱Schwertfeger aus dem Jahre 1907 ist auch im Netz zu lesen. Was der Arbeitskreis hannoversche Militärgeschichte macht, ist ein Ansatz, den man gehen kann. Ein literarisches Unternehmen wie Kempowskis Echolot hat es für Waterloo nicht gegeben. In Frankreich gibt es die Association Franco-Européenne de Waterloo, die Zeugnisse der Schlacht sammelt, Erinnerungskultur ist das neumodische Schlagwort. Aber warum wissen wir viel mehr über die Bayern und die Schweizer, die Napoleon nach Moskau folgten? Hat man in Bayern eine andere Erinnerungskultur? Oder bessere Historiker?

Generäle sind meistens schlechte Erzähler von Geschichten. Selbst wenn sie dabei gewesen sind. Manche sind auch schlichtweg unzuverlässig. Wie General von Müffling, der preußische Verbindungsoffizier in Wellingtons Hauptquartier. Wellington selbst hielt nichts davon, den Historikern behilflich zu sein. So schrieb er seinem Freund John Wilson Croker: The history of a battle, is not unlike the history of a ball. Some individuals may recollect all the little events of which the great result is the battle won or lost, but no individual can recollect the order in which, or the exact moment at which, they occurred, which makes all the difference as to their value or importance.

Wellingtons eigener ➱Bericht über Quatre Bras, Ligny und Waterloo an Earl Bathurst ist nicht sehr aufschlussreich. Interessant ist aber dabei, dass er die Schlachten von Quatre Bras und Ligny am 16. Juni und die von Waterloo am 18. Juni als eine Schlacht ansieht. Was sie letztlich ja auch ist. Wir machen, wenn wir Waterloo isoliert betrachten, vielleicht einen großen Fehler. Es schreiben im Augenblick viele Leute über Waterloo, die nicht auf einer Heeresoffizierschule waren und keine alten Karten lesen können. Das Ganze ist nicht unähnlich der Runde der Byron Verehrer in Sigrid Combüchens Roman Byron, die mit Hilfe der Tischplatte, einer Spalte darin sowie zwei Brieftaschen, einigen Gläsern, einer Flasche, die hin und her gerollt wurde, und einer Hand, die sich ab und zu um Gläser und Brieftaschen schloß, die Schlacht von Waterloo nachstellten. 

Wellington weiß, dass er nur knapp davon gekommen ist: It was a near run thing. The nearest run thing you ever saw in your life. Nach der Schlacht von Sorauren hatte er seinem Bruder William geschrieben: I escaped as usual unhurt, and I begin to believe that the finger of God is upon me. Jetzt gebraucht er beinahe das gleiche Bild in einem Brief an seine Freundin Lady Frances Webster: The finger of Providence was upon me, and I escaped unhurt. Der Iron Duke ist nicht so kalt, wie seine Feinde ihn darstellen: My heart is broken by the terrible loss I have sustained in my old friends and companions and my poor soldiers. Believe me, nothing except a battle lost can be half so melancholy as a battle won.

Wir wissen nicht so viel über die Beziehung zwischen dem Herzog und der Lady, aber sie ist in diesem Moment nicht weit von ihm entfernt. Sie ist auch in Brüssel, sie war auch auf dem berühmten Ball der Herzogin von Richmond, als Wellington die erste Nachricht von Napoleons Marsch nach Brüssel erhält. Die Zeitungen sind voll von der angeblichen Liebesaffäre zwischen der Lady und dem Herzog. Der Dichter Lord Byron erlebt gerade sein persönliches Waterloo, erst geht der Stern des von ihm verehrten Napoleon unter, und dann wird die von ihm geliebte Lady Frances ständig mit diesem Mann gesehen, der seinen Helden besiegte. Er schreibt das ➱Gedicht When we two parted (nachdem er zuvor zu seinem Freund Scrope Davies D— all women, and d— that woman in particular gesagt hat) :

When we two parted
In silence and tears,
Half broken-hearted
To sever for years,
Pale grew thy cheek and cold,
Colder thy kiss;
Truly that hour foretold
Sorrow to this.

The dew of the morning
Sunk chill on my brow—
It felt like the warning
Of what I feel now.
Thy vows are all broken,
And light is thy fame:
I hear thy name spoken,
And share in its shame.

They name thee before me,
A knell to mine ear;
A shudder comes o'er me—
Why wert thou so dear?
They know not I knew thee,
Who knew thee too well:
Long, long shall I rue thee,
Too deeply to tell.

In secret we met—
In silence I grieve,
That thy heart could forget,
Thy spirit deceive.
If I should meet thee
After long years,
How should I greet thee?
With silence and tears.

Erstaunlicherweise hatte keine englische ➱Zeitung einen Reporter nach Brüssel oder Waterloo geschickt, wie man in dem Buch The News from Waterloo: the Race to Tell Britain of Wellington’s Victory von Brian Cathcart lesen kann. Es wird Tage dauern, bis die Nachrichten nach London kommen. Es sind auch keine Brieftauben über den Kanal geflogen, wie erzählt wird. Und ➱Rothschild manipulierte nicht den Aktienmarkt (es wird einem Nazi Autoren vorbehalten bleiben, das Theaterstück Rothschild siegt bei Waterloo zu schreiben). Legenden halten sich zäh, auch wenn sie falsch sind. Wahrscheinlich halten die sich am längsten. Aber dennoch kann man die Geschichten immer wieder erzählen: The tale is in every Englishman’s mouth; and you and I, who were children when the great battle was won and lost, are never tired of hearing and recounting the history of that famous action, schreibt Thackeray in Vanity Fair.

Wir bekommen immer nur Facetten des Ganzen, selbst in dem berühmten Buch The Face of Battle von John Keegan. Da sind die Historiker nicht anders als die Romanautoren, die bei der Beschreibung eines Krieges diese Technik des detailliert beschriebenen Ausschnittes der Wirklichkeit schon lange beherrschten. Leo Tolstoi hat das in Krieg und Frieden perfektioniert. Den kleinen ➱Hauptmann Tuschin mit seiner Pfeife, der ohne Befehl handelnd die Schlacht entscheidet, vergessen wir nicht. Die Beschreibung des Feldlazaretts in Miss Ravenel's conversion from secession to loyalty im ➱21. Kapitel auch nicht. Flaubert beherrschte diesen effet de réel, wie Roland Barthes das genannt hat, wie kein anderer. Wir finden diese Technik bei Sebastian Zweig in seinem ➱Kapitel Die Weltminute von Waterloo in Sternstunden der Menschheit. Und natürlich bei Stendhal in seiner Kartause von Parma, wenn er seinen Helden über das ➱Schlachtfeld irren lässt. Stendhal war nicht in Waterloo, aber er war mit Napoleon in Moskau. Er weiß, wie der Krieg aussieht.

Deutsche Schriftsteller sind nicht bei Waterloo dabei. Das Regiment des Leutnants Joseph von Eichendorff hat die Hauptarmee erst einen Tag nach der Schlacht erreicht, wird aber unter Gneisenau an der Verfolgung der Franzosen teilnehmen. In seinen Autobiographischen Fragmenten notiert Eichendorff nur den Satz: Mein Biwak auf dem Pont-neuf. Er wird als Ordonanzoffizier im Stab Gneisenaus den Marschall Blücher kennenlernen. Dem hatte Gneisenau zwei Jahre zuvor den Major Friedrich de la Motte-Fouqué (dessen Sohn preußischer Generalmajor wird) mit den Worten vorgestellt: Sehen Sie, Eure Excellenz, das ist der Kriegssänger unseres Heeres. Der Hauptmann Achim von Arnim ist nach einem Jahr beim Landsturm schon wieder auf seinen Gütern. Einer seiner Nachkommen war unser Schulsprecher und brachte es bis zum Oberst im Generalstab.

Heute kämpfen sie wieder bei Waterloo, re-enactment heißt das Ganze (hier ein kleiner Napoleon bei dem Spektakel vor zwei Jahren). In Amerika ist das schon eine Art Volkssport, alle Schlachten des ➱Bürgerkriegs nachzustellen. In normalen Jahren bestehen die Truppen, die da in Belgien aufeinandertreffen aus achthundert Freiwilligen. Aber zur Feier von 200 Jahren Waterloo rechnet man mit fünftausend Freiwilligen, dreihundert Pferden und hundert Kanonen. Man erwartet 200.000 Besucher, denen man zeigen will, dass Waterloo mehr ist als ein Bahnhof in London und ein Song von Abba.

Die Gesamtleitung des Spektakels hat ein Belgier namens Luc Petit. Heute gehört der Ort Waterloo, in dessen Nähe die Schlacht stattfand, zu Belgien, damals waren das noch die Niederlande. Napoleon wird (und das schon seit Jahren) von dem französischen Juristen Frank Samson gespielt, auf dem Bild sehen wir ihn von Elba kommend, gerade wieder auf französischem Boden. Zur großen Freude der englischen Medien hat er gerade in einem Interview erklärt, dass Napoleon one of the greatest men the world has ever known sei, der Duke of Wellington dagegen a frightful Englishman that no one has heard of. Und fügte noch hinzu: In terms of public relations, in terms of his historical importance, it’s clear that [Napoleon] won at Waterloo. The public will acclaim him and we have forgotten that he lost. Ach ja, wie sagte Napoleon so schön? Ich liebe dieses Zitat: Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas. Ich weiß jetzt nicht so genau, was die Association Franco-Européenne de Waterloo zu Monsieur Samson sagt.

Für Napoleon war es die Bataille de mont Saint-Jean. Blücher hätte sich gewünscht, dass die Schlacht den Namen Belle-Alliance bekommt. Das wäre ja auch ein schöner symbolischer Name gewesen. Aber so belle ist die Allianz nicht. Wellington will Waterloo als Namen. Man hätte ja auch Braine l’Alleud nehmen können, wo die Schlacht eigentlich stattfand, aber das kann kein Engländer aussprechen. Die Engländer tun sich bis heute schwer, anzuerkennen, dass auch die Deutschen zu den Siegern gehörten. Denn was wäre gewesen, wenn Blücher in der Schlacht von Ligny gefallen wäre?

Ich bin in der Affäre damit weggekommen, daß sie mich meinen schönen englischen Schimmel erschossen haben; Gneisenau hat dasselbe Schicksal gehabt; wir sind beide von den Fallen mit den Pferden etwas mitgenommen ... mein kreuzbraver Nostiz hat mich einen großen Dienst getan, da er mich unter dem Pferde herausgeholfen. Der kreuzbrave August Ludwig von Nostiz hat nicht nur seinen Marschall unter dem Pferd hervorgezogen, er hat auch noch im richtigen Augenblick seinen Mantel über Blücher gebreitet, damit die vorbei galoppierenden Franzosen nicht sehen konnten, wer da am Boden lag. Einen halben Tag später schreibt Blücher dem General von Müffling: daß, so krank ich auch bin, ich mich dennoch an die Spitze meiner Truppen stellen werde, um den rechten Flügel des Feindes anzugreifen als Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt. Und das wird er auch tun.

Im ➱Internet gibt es auch Sergei Bondartschuks Film aus dem Jahr 1970 zu sehen. Der Film, für den die Rote Armee 18.000 Soldaten als Statisten abordnete, ist lange nicht so gut wie seine ➱Verfilmung von Krieg und Frieden, aber man kann ihn sich anschauen. Ich tue das heute Abend auf jeden Fall, denn ich besitze eine DVD. Christopher Plummer ist in dem Film wirklich gut als Wellington. Und man hat ihn auch historisch genau gekleidet: mit einem blauen Cape über seiner Zivilkleidung. Sir Thomas Picton - gespielt von Jack Hawkins - war auch in Zivil.

Man sagt, die Uniform des Generals sei auf dem Postweg nicht rechtzeitig nach Brüssel gelangt. Die Wahrheit ist eher, dass der ständig fluchende Waliser Picton nur für Portraitmaler eine ordentliche Uniform trug (sein Stab eifert ihm darin nach), den schwarzen Zylinder hat er schon in Spanien getragen - in der Schlacht von Bussaco trug er eine rote Nachtmütze. Wellington kann tragen, was er will, man erkennt ihn im Pulverdampf immer, ob man Freund oder Feind ist. Als Wellington einen vorbeireitenden Offizier zu Ende der Schlacht nach etwas fragt, bekommt er die Antwort: Je suis desolé, monsieur le Duc, mais je ne parle pas un mot d'anglais. Ich weiß nicht, wie wahr diese Geschichte ist, ich habe sie in Sigrid Combüchens ➱Roman Byron gelesen.

Man weiß nie, wie wahr all die Anekdoten sind. Es sind die kleinen Anekdoten, die man behält. Der kreuzbrave Nostiz - Wellingtons Blick auf die Taschenuhr - der Satz Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen - Sir Thomas Picton mit Zylinder und Regenschirm - die Erdbeeren, die der General Grouchy zum Frühstück hat, während er in der Ferne den Kanonendonner hört. Wenn wir bei den Anekdoten bleiben, können wir das Ganze vielleicht begreifen, dann bleiben die Toten und Verwundeten und der Schrecken draußen vor. Vierzigtausend lassen auf dem engen Raum ihr Leben. Wellington vergleicht die Schlacht später (in einem Brief an Lord Beresford) mit einem Boxkampf: You will have heard of our battle of the 18th. Never did Isee such a pounding match. Both were what the boxers call "gluttons."Napoleon did not manoeuvre at all. He just moved forward in the old style.

Waterloo! Waterloo! Waterloo! morne plaine!
Comme une onde qui bout dans une urne trop pleine,
Dans ton cirque de bois, de coteaux, de vallons,
La pâle mort mêlait les sombres bataillons.
D'un côté c'est l'Europe et de l'autre la France.
Choc sanglant ! des héros Dieu trompait l'espérance
Tu désertais, victoire, et le sort était las.
Ô Waterloo ! je pleure et je m'arrête, hélas !
Car ces derniers soldats de la dernière guerre
Furent grands ; ils avaient vaincu toute la terre,
Chassé vingt rois, passé les Alpes et le Rhin,
Et leur âme chantait dans les clairons d'airain !

Victor Hugos Waterloo! morne plaine! hätte von Byron sein können, auch er fand das Schlachtfeld 1816 ziemlich trostlos. In Childe Harolds Pilgrimage kommt zwar der ➱Ball der Herzogin von Richmond vor, aber Waterloo spielt keine Rolle: And is this all the world has gained by thee, Thou first and last of fields! king-making Victory? Der Herzog von Wellington wurde 1821 vom König George IV nach Brüssel bestellt, damit er ihm das Schlachtfeld zeige. Dieses Bild von ➱Benjamin Haydon ist allerdings Jahrzehnte später gemalt, man kann es nicht als historische Quelle nehmen.

Neu auf dem Schlachtfeld ist 1821 der Löwenhügel, den die Niederländer errichtet haben. They have spoiled my Battlefield, soll Wellington gesagt haben. Victor Hugo zitiert den ➱Satz in Les Miserables etwas anders, ob er wirklich gesagt wurde, weiß niemand genau. Den Herzog von Wellington mag Hugo sowieso nicht so sehr: Bei Waterloo wurde eine Schlacht ersten Ranges geschlagen und von einem Feldherrn zweiten Ranges gewonnen. Die Franzosen lieben ihren Victor Hugo, er hat sogar ein ➱Denkmal auf dem Schlachtfeld, das ähnlich wie ➱Gettysburg mit Denkmälern übersät ist. 

Wenn Sie heute zur Feier des Tages eine festliche Musik auflegen wollen, dann sollte das natürlich nicht ➱Abba sein. Sondern Tschaikowskis 1812 Ouvertüre. Denn Napoleons Niedergang begann schon 1812 in Rußland an der ➱Beresina. Ich habe das Stück auf einer alten Platte (die es inzwischen auch als CD gibt) zusammen mit Beethovens Wellingtons Sieg als Mercury Living Presence (der Vorläufer von Stereo). Da gibt es zum Schluss eine echte Kanone aus der napoleonischen Zeit zu hören, die man aus West Point geliehen hatte (bei dieser YouTube ➱Aufnahme hat man auch eine Kanone im Konzertsaal).


Obgleich es erst heute einen Post gibt, der Waterloo heißt, ist die Schlacht schon häufig in diesem Blog behandelt worden. Lesen Sie auch: ➱La Belle-Alliance, ➱Elba, Briefe, ➱Regenschirme, ➱Captain Gronow, ➱Stendhal, ➱Luxuskutschen, ➱Ney, ➱John Keegan, ➱Sigrid Combüchen, ➱Laon 1814

Freitag, 8. Mai 2015

8. Mai 1945


Heute vor siebzig Jahren war der Krieg zu Ende. Vor dreißig Jahren sagte der Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer Feierstunde: Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit. Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Sie können die ganze Rede hier lesen. Es lohnt sich, das zu tun.

Ich stelle heute hier etwas ein, das schon am 8. Mai 2011 hier stand. Ich kann mich an das Kriegsende nicht erinnern, ich war damals noch zu klein. Aber an all die Erzählungen der Familie, an die erinnere ich mich noch. Wie Oma am Mittellandkanal meinen Kinderwagen und mich in den Graben gekippt hat, um dem englischen Tiefflieger zu entgehen. Der hatte eigentlich die Brücke des Mittellandkanals bei Wehrendorf als Ziel, machte sich aber ein Vergnügen daraus, eine Großmutter und ein Kleinkind mit dem Maschinengewehr zu beharken (lesen Sie mehr dazu in ➱Zweite Heimat).

Der Post aus dem Jahr 2011 hieß Bremen, Mai 1945. Er ist das Ergebnis von vielen Erzählungen, dem Betrachten von vielen Photoalben und der Lektüre vieler Bücher. Mein Opa ist zum Kriegsende von Bohmte, wohin sich die Familie geflüchtet hatte, nach Vegesack marschiert. Er wollte sehen, ob sein Haus in der Weserstraße noch steht. In Ritterhude hat er auf dem Deich ein Nachbarn getroffen, der ihm versichern konnte, das Haus stehe noch, aber da seien jetzt die Amerikaner drin. Und die Weserstraße sei sowieso von den Besatzern abgesperrt. Da hat Opa kehrtgemacht und ist wieder nach Bohmte gelaufen. Er war vierundsechzig Jahre alt, war aber offensichtlich noch gut zu Fuß. Den Ersten Weltkrieg hatte der kaisertreue ➱Hauptmann überlebt, den Zweiten jetzt auch.

Als die 43. Wessex Division, die zu General Brian Horrocks' 30. Corps gehört, im April 1945 kommt, sind in Bremen alle Weserbrücken gesprengt. Die letzten beiden Brücken hat der Kampfkommandant am 25. April um 11.30 sprengen lassen. Den Tag davor hatte es noch zwei Luftangriffe gegeben. Das waren die Angriffe Nummer 172 und 173 auf die Stadt. Es waren die letzten in diesem Krieg. Am Nachmittag heulten die Luftschutzsirenen noch ein letztes Mal, das 1.233. Mal in dem Krieg, aber es hatte keinen Angriff mehr gegeben. Als die Große Weserbrücke (die damals Lüderitzbrücke heißt) und die Kaiserbrücke gesprengt werden, hat die 52. Lowland Division schon Hemelingen erreicht und steht da, wo die ➱Borgward Werke sind (und wo heute das Daimler Benz Werk ist).

Ich besitze eine Zeichnung von dem Bremer Maler Emil Mrowetz, die er einmal meinem Vater geschenkt hat. Sie ist signiert Zerstörte alte Weserbrücke 1945. Nur das Brückenportal mit den beiden Löwen, die das Bremer Stadtwappen halten, ist unversehrt. Dahinter sind nur noch von den Explosionen der Sprengung aufgebogene Stahlträger. Aber die Alte Weserbrücke interessiert den Generalleutnant Brian Horrocks (der in dem Film A Bridge too Far von Edward Fox gespielt wird) wenig. Die Engländer sind schon längst in ➱Hoya über die Weser gekommen, also da unten, wo ich mit der Bundeswehr zwanzig Jahre später Weserübergänge üben darf. Seit Karl dem Großen sind Weserübergänge für Armeen nicht aus der Mode gekommen.

Der Bremer Kampfkommandant, der erst seit drei Wochen in Bremen ist und die Stadt nicht kennt, glaubt aus unerfindlichen Gründen, die Engländer würden bei Vegesack die Fähre über die Weser nehmen. Die Überschwemmungsgebiete links der Weser zwischen Huchting und Dreye haben die Schotten und Engländer der 3. Division aber nicht aufgehalten. Am Mittag des 25. April haben sie schon den Flugplatz ➱Neuenlander Feld erreicht. Zum ersten Mal seit der General ➱Tettenborn Bremen von den Franzosen befreit hat, sind wieder fremde Soldaten auf Bremer Boden. Der Kampfkommandant von Bremen ist in den letzten Kriegswochen ein Generalleutnant namens Fritz Becker, der unter extremem Wirklichkeitsverlust leidet. Er will in seinem Hauptquartier im Haus des Werftdirektors ➱Franz Stapelfeldt in der Parkallee Bremen bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigen. Militär und Nazis sitzen in Bremens feinster Gegend. Die feine Gegend von Schwachhausen wird auch nicht bombardiert. Den Bomben zum Opfer fallen die Arbeiterviertel neben den Werften an der Weser. Von dem Haus in Walle, wo mein Vater vor dem Krieg gewohnt hat, ist nichts übrig geblieben.

Währenddessen radeln Bremer Senatoren mit dem Fahrrad den Engländern entgegen, um die Übergabe der Stadt vorzubereiten. Die Ecke beim Bunker, wo der Bürgerpark an den Stern und die Hollerallee angrenzt, haben die ersten englischen Truppen von der Somerset Light Infantry den Hyde Park Corner genannt. Der Stellvertreter Beckers, ein Generalmajor Werner Siber, der im Bunker gegenüber der Benquestraße sitzt, ergibt sich als erster mit seinem Stab (zwei Fußballmannschaften groß) den Engländern. Einige deutsche Offiziere  und der Präses der Handelskammer Karl Bollmeyer wollen den starrsinnigen Fritz Becker in der Stapelfeldt Villa erschiessen. Aber das verbietet die Hausherrin, deren Ehemann gerade erst aus der Gestapo-Haft in sein Haus zurückgekehrt ist: Machen Sie das irgendwo, wo Sie wollen, aber nicht in unserem Haus. Es kommt leider nicht dazu. Obwohl die englischen Panzer schon den Sielwall auf und ab fahren, will der Ritterkreuzträger Becker offiziell immer noch nicht kapitulieren. Er ist inzwischen in den Bunker der 8. Flakdivision an der Einmündung der Emmastraße in die Parkallee umgezogen.

Es bleibt ihm dann aber nichts anderes übrig. Am frühen Morgen des 27. April holt ihn das Wiltshire Regiment aus seinem Bunker. General Fritz Becker wird sich mit dem Hitlergruss in die englische Gefangenschaft verabschieden. Kein Stil. Kein Bremer. Wie die Bundeswehr 1967 auf die bescheuerte Idee kommen konnte, diesem Mann ein Ehrenbegräbnis auszurichten, kann ich bis heute nicht verstehen. Aber es ist die Zeit, in der sich die Armee mit einem konservativen backlash von Baudissins Idealen der Inneren Führung verabschiedet. General Brian Horrocks wird in Bremen zum ersten Mal einen Eindruck davon bekommen, welche Auswirkungen die 173 Bombenangriffe der Allierten gehabt haben. Dass das Ergebnis so fürchterlich aussieht, hat er sich nicht vorstellen können. Sein Mitleid hält sich allerdings in Grenzen, wenn er drei Tage später bei der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers ➱Sandbostel nördlich von Bremen auf KZ-ähnliche Verhältnisse trifft. Die englische Armee befreit beinahe 50.000 halbverhungerte Gefangene.

Sir Brian Horrocks, der im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangener der Deutschen (und der Russen) war, wird in seiner sehr lesenswerten Autobiographie A Full Life über seinen Schock im Lager Sandbostel schreiben. Davon haben die deutschen Generäle Siegfried Rasp vom Korps Ems und Ernst Busch von der Heeresgruppe Nordwest, die sich Horrocks am 3. Mai ergeben, natürlich nichts gewusst. Das ist jetzt eine gefährliche Krankheit, diese Ahnungslosigkeit, die sich unter deutschen Militärs und Politikern geradezu epidemisch ausbreitet. Je mehr Sterne man auf der Schulter hat, desto weniger hat man gewusst. Der Feldmarschall Ernst Busch, einer der treuesten Anhänger Hitlers, wird wenig später in englischer Gefangenschaft an gebrochenem Herzen sterben.

Horrocks ist dann mit seinem 30. Corps von Sandbostel nach Cuxhaven vorgestoßen. Nach Hamburg darf er nicht, das will Montgomery mit seiner 21st Army Group selbst erobern. Irgendwie schien Horrocks sich da oben im Land Wursten zu langweilen. Er ist von Cuxhaven aus nach ➱Helgoland gefahren, um sich den traurigen Rest der Insel nach dem Bombardement der Royal Air Force vom 18. April 1945 anzugucken (das Photo ist aus dem Jahre 1952, als die Engländer die Insel zurückgaben). Da die Royal Navy Cuxhaven noch nicht eingenommen hatte und kein englisches Kriegsschiff zur Verfügung stand, fuhr er mit einem deutschen ➱Schnellboot (das bei Lürssen in Vegesack gebaut wurde).

Ein Jahrzehnt später durften sie die Dinger dann wieder für die Bundesmarine bauen. Und da man keine englische Kriegsflagge auftreiben konnte, geschah das Ganze unter deutscher Flagge. Die letzte Aktion der deutschen Kriegsmarine. Und dann muss sich der deutsche Kapitänleutnant noch von einem englischen General sagen lassen, dass die vier Begleitboote keine exakte Formation halten könnten (auf der Rückfahrt konnten sie es). Nach dieser letzten Fahrt unter deutscher Flagge durfte die deutsche Marine ➱Minen räumen. Da hatten sie zwar englische Flaggen, durften aber noch ihre alten blauen Marineuniformen tragen. Allerdings ohne das Hakenkreuz.

Zur Überraschung der Bremer blieben die Engländer nicht in Bremen. Denn am 27. April, dem Tag, an dem in Bremen der Krieg offiziell zu Ende war, kommen die auch ersten Amerikaner an. Die Amerikaner wollten die Stadt (Bremerhaven als Port of Embarcation inklusive) als Nachschubbasis für ihre Truppen in Deutschland haben. Am Montag dem 30. Mai musizierte noch eine schottische Militärkapelle mit ihren Dudelsäcken auf dem Markt, am nächsten Tag wurden aber schon die ersten amerikanischen Flaggen an offiziellen Gebäuden gesehen. Und das Rathaus wird zu einer Bierhalle für die amerikanische Armee.

Mit dem Einzug der Amerikaner wurde die Stadt zur Amerikanischen Enklave (die wenigen Autos, die den Krieg überlebt hatten, bekamen 1946 die Autonummer AE). Aber alles drum herum war unter englischer Verwaltung und hieß jetzt Britisch Niedersachsen. Also Lemwerder zum Beispiel, wo die Yachtwerft von ➱Abeking & Rasmussen war. Als ein amerikanischer Offizier, der begeisterter Segler war, 1945 entdeckte hatte, was da auf der anderen Weserseite war, hat er die ganze Werft erstmal mit Off Limits und Out of Bounds Schildern zugepflastert. Und alle Yachten für recreation purposes beschlagnahmt. Die Engländer, die das gleiche vorhatten, kamen einen Tag zu spät. Die hatten natürlich auch jemanden, der ein Exemplar von Uffa Fox’ Buch über Segelboote besaß. Die Amerikaner werden übrigens eines Tages alle beschlagnahmten Boote zurückgeben. Bis auf eins. Angeblich von Engländern geklaut. Obgleich die Engländer eigentlich schon genügend Segelboote besaßen, General Horrocks hatte nämlich bemerkt, dass alle Segelyachtbesitzer ihre Boote in den kleinen Nebenflüssen der Weser versteckt hatten, die jetzt alle unter englisches Hoheitsgebiet fielen. Er hat alle requiriert, die Hälfte davon musste er allerdings willy nilly später an die Royal Navy abgeben. Die wollten auch segeln.

Meine Mutter hat es den amerikanischen Besatzern nie verziehen, dass sie das Meißner Porzellan geklaut haben und das ➱Klavier aus dem Fenster geworfen haben. Es klang danach immer etwas schräg. Aber unser Haus in der Weserstraße hatte außer kleineren Bombenschäden den Krieg überstanden, und als eines Tages die amerikanischen Besatzer das Haus räumten, hatten wir wieder eine eigene Bleibe. Wenn auch ohne das Meißner Porzellan. Hunderttausende waren nicht so glücklich wie wir.

Am 8. Mai 1945 ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Für den Bremer Lokalhistoriker Herbert Schwarzwälder ist das in einem Ausblick betitelten  Kapitel seiner vierbändigen Geschichte der Freien Hansestadt Bremen keine Befreiung gewesen. Bei aller Faktenhuberei, die sein Werk charakterisiert, ist sein Band IV Bremen in der NS-Zeit (1933-1945) doch eine zweifelhafte und letztlich klägliche Sache. Sehr viel besser ist da das Buch Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung von Inge Marßolek und René Ott. Keine Geschichte der Gauleiter wie bei Schwarzwälder, sondern eine Geschichte von unten. Die Historiker haben es versäumt, rechtzeitig alles aufzuschreiben. So in der Art von Tom Harrisson Mass Observation in England.

Meine Jugend bestand aus geretteten Photoalben und aus Erzählungen. Alle erzählten vom Krieg. Wenige von der Zeit vorher. Was wäre das für ein Material gewesen, wenn ein Historiker das damals aufgeschrieben hätte! Später in der Oberschule hatte dieser ➱Krieg, dessen Auswirkungen wir alle noch kannten, beinahe nicht stattgefunden. Da gab es den Punischen Krieg, da lasen wir Caesars De Bello Gallico, aber das Kriegsende in Bremen war kein Thema des Unterrichts. Meine Cousine Hannelore hat mir vor Jahren, ein kleines Büchlein geschenkt, wofür ich ihr ewig dankbar bin. 

Es heißt Kriegsende 1945: Vegesack und umzu und enthält Erinnerungen, die von den Bewohnern des Ortes aufgeschrieben worden waren. Ich habe beinahe alle, die hier schrieben, noch gekannt. Manches davon kann man nicht glauben, weil es nicht wahr ist. Wie zum Beispiel der Direktor des Bremer Vulkans, der vormalige Wehrwirtschaftsführer ➱Robert Kabelac, der sich hier persilrein wäscht. Aber das meiste ist völlig ehrlich. Unverfälscht und unredigiert, so wie jeder dachte und wie er es erlebt hatte. Ich wollte, es gäbe mehr von solchen Büchern. Man wünschte sich auch im Internet mehr solcher Texte wie diesen ➱hier. Aber stattdessen findet man im Internet den Krieg, das Militär und die Nazis verherrlichende Seiten bis zum Abwinken. Was Walter Kempowski mit seinem Echolot angestoßen hat, war schon die richtige Idee. Was Guido Knopp im ZDF serviert, ist sicherlich die falsche. Es ist neuerdings chic geworden, von Erinnerungskultur zu reden. Ich finde das ein fürchterliches Wort. Wir sollten einfach nicht vergessen. Punkt, Ausrufezeichen. Oder, wie es in Kiplings Recessional heißt: Lord God of Hosts, be with us yet, Lest we forget—lest we forget!

Montag, 27. April 2015

Bergen-Belsen


Orte wie Bergen-Belsen und Flossenbürg sind in diesen Tagen in den Nachrichten. Wahrscheinlich sind sie es in der nächsten Woche nicht mehr. Man wird nicht gerne an die Schuld erinnert. Vor allem, wenn es eine unermessliche Schuld ist, wie der ➱Bundespräsident gestern sagte. Aber was sind die Reden mehr als Verbandwatte für die Wunden der Erinnerung? Vor zwei Jahren schrieb ich in dem Post ➱Oradour: Während der Bundespräsident in Frankreich der Opfer des SS Massakers gedachte, besuchte auf der anderen Seite des Rheins die Bundeskanzlerin Angela Merkel das Konzentrationslager Dachau. Sie erlebte dort 'einen sehr bewegenden Moment der Trauer und Scham'. Das hat sie vom Blatt abgelesen. Es war eben nur ein Moment. Sieben Minuten später ist sie für eine Wahlkampfveranstaltung in Dachau im Bierzelt, wo ihre Anhänger schon 'Angie, Angie' grölen. Und wo sie bayrisches Bier trinkt. Mir fällt dazu kein Schlusswort ein.

Als ich 1964 mit den Bundeswehr in Frankreich war, haben wir Oradour nicht besucht, obwohl es nicht weit weg war. Als ich Monate später auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne war, hat niemand von den Offizieren des Bataillons daran gedacht, die Gedenkstätte zu besuchen. Aber sie sind ja auch nicht zu dem Festgottesdienst für Winston Churchill gegangen. Viele der Offiziere meines Bataillons waren noch Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewesen, sie hatten es noch nicht gelernt, mit der Vergangenheit fertig zu werden. Und sie hatten es auch nicht, wie unsere Politiker, gelernt, mit Worthülsen wie einem sehr bewegenden Moment der Trauer und Scham einen symbolischen Akt zu verschönern. In der Offiziersmesse der Engländer hing ein Ölbild von der Schlacht von ➱Waterloo, an den Fluren unserer Unterkünfte hingen Photos von Generälen der Wehrmacht. Ein Bild vom Lager Bergen-Belsen war nirgends zu sehen.

Ich hatte von der Armee mit dem Konzept des Bürgers in Uniform mehr erwartet, die Schule hatte mehr gegeben. Denn im amerikanisch besetzten Bremen gab es mit der sechsjährigen Volksschule eine strikte Erziehung zur Demokratie. Es wurde des ➱Zweiten Weltkriegs gedacht, und bei jeder Berlin Reise gab es einen Besuch von ➱Plötzensee im Pflichtprogramm. Damit wir uns Erwin Leisers Mein Kampf in Bremen ansehen konnten, gab es schulfrei.

Der Truppenübungsplatz Bergen-Hohne war erst wenige Jahre zuvor an die Bundeswehr übergeben worden, bis 1958 hatte er den Engländern gehört. Sie haben nicht alles zurückgegeben, das Schloss Bredebeck haben sie als Offiziersclub behalten. Wahrscheinlich wird da die Queen wohnen (die königliche Familie hat da schon häufiger gewohnt), wenn sie im Juni Bergen-Belsen besucht. Die Engländer haben das Lager vor siebzig Jahren befreit, einer der ersten Offiziere ist Major Brian Urquhart gewesen, der den Lagerkomandanten Josef Kramer (Bild) am nächsten Tag seinem Vorgesetzten General Horrocks vorführt. Horrocks hatte schon ➱Bremen erobert und das KZ ➱Sandbostel befreit (beide Ereignisse haben einen Post in diesem Blog), jetzt sieht er die Schrecken von Bergen-Belsen.

Einer der englischen Offiziere, der das Lager in den ersten Wochen auch sieht, ist der Captain Derek van den Bogaerde (den wir besser als Dirk Bogarde kennen) gewesen. John Coldstream, der Autor einer Biographie von Sir Derek bestreitet das, aber ich möchte über seine Biographie nichts sagen, das habe ich schon in dem Post ➱Dirk Bogarde getan. Diesen Herrn, der sich im Mittelgrund an einen Panzer lehnt, werden Sie nicht kennen - aber ganz England kennt ihn. Auch er war in Bergen-Belsen.

Es ist der Cartoonist Carl Giles, der hier als Kriegskorrespondent bei den Coldstream Guards ist. Und der in diesem Cartoon im Daily Express 1944 seine Tätigkeit sehr ironisch sieht: Nearly had to do without a cartoon in tomorrow’s paper that time, didn’t they? steht unter dem Cartoon. Der englische Kriegskorrespondent Giles wird Josef Kramer interviewen, den die Presse in England nur die Bestie von Belsen nennt.

Und nun kommen wir in den Bereich des Absurden: der SS Hauptsturmführer Kramer weiß, wer Carl Giles ist, er liebt seine Cartoons. Und möchte von ihm gerne ein signiertes Original haben, er gibt Giles seine P38 dafür. Carl Giles hat in einem Interview gesagt: I have to say, that I quite liked the man. I am ashamed to say such a thing. But had I not been able to see what was happening outside the window I would have said he was very civilised. Odd, isn't it? But maybe there was a rather dishonourable reason. I have always found it difficult to dislike someone who was an admirer of my work. And strangely, Kramer was. I never sent him an original. What was the point? He had been hanged. Das verlassene Lager Breendonk in Belgien hat er gezeichnet. Bergen-Belsen wird er nicht zeichnen. Er wird das Erlebnis mit den vielen Toten nie loswerden.

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, hat Theodor W. Adorno gesagt. ➱Paul Celan hat seine Todesfuge dennoch geschrieben. Das ➱Gedicht, das damals in unseren Lesebüchern stand, ist berühmter geworden, als andere Lyrik zu diesem Thema. Es war allerdings nicht das erste Gedicht. 1945 veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift Poetry das Gedicht Protocols von Randall Jarrell (dem wir auch das eindrucksvolle ➱Gedicht The Death of the Ball Turret Gunner verdanken):

We went there on the train. They had big barges
that they towed,
We stood up, there were so many I was squashed.
There was a smoke-stack, then they made me wash.
It was a factory, I think. My mother held me up
And I could see the ship that made the smoke.

When I was tired my mother carried me.
She said, "Don't be afraid." But I was only tired.
Where we went there is no more Odessa.
They had water in a pipe--like rain, but hot;
The water there is deeper than the world

And I was tired and fell in my sleep
And the water drank me. That is what I think.
And I said to my mother, "Now I'm washed and dried,"
My mother hugged me, and it smelled like hay
And that is how you die. And that is how you die.

Ich weiß nicht, ob Randall Jarrell das Gedicht Ein totes Kind spricht von Nelly Sachs im Jahre 1945 schon kennen konnte. Das Gedicht wurde 1947 in dem ➱Gedichtband In den Wohnungen des Todes veröffentlicht, war jedoch wohl schon früher geschrieben. Es soll aber unbedingt heute hier stehen:

Die Mutter hielt mich an der Hand. 
Dann hob Jemand das Abschiedsmesser: 
Die Mutter löste ihre Hand aus der meinen, 
Damit es mich nicht träfe. 
Sie aber berührte noch einmal leise meine Hüfte – 
Und da blutete ihre Hand –

Von da ab schnitt mir das Abschiedsmesser 
Den Bissen in der Kehle entzwei – 
Es fuhr in der Morgendämmerung mit der Sonne hervor 
Und begann, sich in meinen Augen zu schärfen – 
In meinem Ohr schliffen sich Winde und Wasser, 
Und jede Trostesstimme stach in mein Herz –

Als man mich zum Tode führte, 
Fühlte ich im letzten Augenblick noch 
Das Herausziehen des großen Abschiedsmessers.

Dienstag, 14. April 2015

Abraham Lincoln


Wenn man dieses Photo mit einer Stelle aus dem Roman The Red Badge of Courage von ➱Stephen Crane versieht, dann erhält man einen Eindruck vom amerikanischen Bürgerkrieg: ‘This time we’re in for a big battle, and we’ve got the best end of it, certain sure. Gee rod! How we will thump ‘em!’ He arose and began to pace to and fro excitedly. The thrill of his enthusiasm made him walk with an elastic step. He was sprightly, vigorous, fiery in his belief of success. He looked into the future with clear, proud eye, and he swore with the air of an old soldier. Das Photo zeigt Soldaten des Südens vor der ersten Schlacht des Bürgerkriegs in Bull Run. So steht es in Francis Millers Photographic History of the Civil War von 1911. Das hat man hundert Jahre geglaubt. Nichts davon ist wahr.

Als man John Brown, der für viele Gegner der Sklaverei ein Held war, im Dezember 1859 in Charles Town hinrichtet, steht in der Menschenmenge auch eine Kompanie der Miliz von Richmond, die Virginia Grays. Einer ihrer Soldaten ist ein junger Mann namens Philip Whitlock. Auf dem Photo, das von den Virginia Grays im Dezember 1859 in Harper's Ferry aufgenommen wurde (und nicht 1861 bei Bull Run), ist er oben ganz rechts zu sehen. Er wird nach dem Bürgerkrieg noch reich und berühmt werden, seine ➱Zigarrenmarke Old Virginia Cherots kennt dann jedermann in Amerika. 1886 stellt er 33 Millionen Zigarren her. Fünf Jahre später kauft die American Tobacco Company sein Unternehmen.

Der Mann, den wir als Philip Whitlock kennen, kommt aus Włocławek in Polen. Mit fünfzehn war er dort geflohen, weil ihn die russische Armee einziehen wollte. Hatte in Bremerhaven das nächste Schiff genommen, das er bezahlen konnte und war nach Amerika gesegelt. Er spricht kein Wort Englisch, als er in New York ankommt, nur Deutsch und Jiddisch. Sechs Jahre später wird er Bürger der Vereinigten Staaten sein.

Und freiwillig in die Miliz der Virginia Grays eintreten: While I was very patriotic and I loved the country of my adoption being a full-fledged citizen. I was ready to fight for its rights. Especially since I was of the Jewish faith, I thought that if I was negligent in my duty as a citizen of this country, it would reflect unfavorably on the entire Jewish race and religion. Die Virginia Grays bestehen zu der Zeit zum großen Teil aus jüdischen Einwanderern, auch die reguläre Truppe der Richmond Light Infantry Blues wird einen hohen Anteil an ➱Einwanderern haben. Philip Whitlock hat sich seine Uniform selbst geschneidert, das Handwerk hat er bei seinem Bruder gelernt. Während des Bürgerkriegs wird er weniger von der Front sehen als von Nadel und Faden; wegen einer Erkrankung schickt man ihn vorzeitig nach Richmond zurück, damit er ➱Uniformen für das Confederate Quartermaster's Department nähen kann.

Er wird nach dem Krieg die Tabakindustrie von Richmond aufbauen und zu einem der geachtetsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Richmond werden. Er ist einer der ➱Immigranten, deren American Dream wahr geworden ist. Und er ist einer der jüdischen ➱Geschäftsleute, die dem darnieder liegenden Süden zeigen, dass ein Aufstieg des Phönix aus der Asche möglich ist. Auch wenn man dabei zu solcher Werbung greifen muss, aus der wir schließen können, dass sich am Status der Schwarzen im Süden wenig geändert hat.

Whitlock hat uns einige autobiographische Aufzeichnungen hinterlassen: The Life of Philip Whitlock, Written by Himself. Die werden von Historikern gerne zitiert. Wegen einer einzigen Passage. Denn bei der Hinrichtung von John Brown im Dezember 1859 steht neben ihm ein anderer junger Mann, der zwei Monate jünger ist als er. Der auch noch berühmt werden wird. Er heißt John Wilkes Booth:

The 1st Regiment assembled on Broad St. near the depot, which was then on the corner of 8th where the old Bijou now stands--that was one Saturday night about the 1st of December, in the year 1859. Many of us were surprised to see John Wilkes Booth, who was then acting in the Marshall Theatre, in a Richmond Gray uniform. We afterwards were informed that he joined the Company in order to go along with us. He is the same John Wilkes Booth who shot Abe Lincoln just after the war. We got to Charlestown and there we met a great many soldiers from the whole State of Virginia. Among them were many who have made History since: General Lee, J.E.B. Stewart, and many others. We staid there three weeks until he was hung, in which our company was present as a Body Guard, being about 30 feet from the gallows. John Wilkes Booth, being about the same height as I, was right next to me in rank. When the drop fell, I noticed that he got very pale, and I called his attention to it. He said that he felt very faint and that he would give anything for a good drink of whiskey. Of course, he did not get it then. We stayed in Charlestown about three weeks and then returned to Richmond.

Heute vor 150 Jahren hat John Wilkes Booth den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln erschossen.

Wie es der Zufall will, fand ich gestern, als ich den Schreibtisch aufräumte, den Gedichtband Brief Lives von Red Shuttleworth. Bevor ich ihn an den Ort zurückstellte, an den er gehört, las ich noch einmal darin. Und was ist das erste Gedicht, das ich aufschlage? Es ist Dave Kelly gewidmet und heißt John Wilkes Booth (1938). Hätte ich das nicht gefunden, dann hätte ich natürlich für diesen Tag ➱Walt Whitmans ➱Gedicht When Lilacs Last in the Door-yard Bloom’d genommen. So aber gibt es heute Red Shuttleworth:

Between Post and Clairemont, there are,
for one peculiar mile, as many fence posts
as there are skinned wolves dangling off them,
over two-hundred nearly identical grimaces.
I am no more Lincoln's assassin than you, friend,
but you have paid twenty-five cents to leer
at my arsenic-embalmed black flesh, to peek
up my khaki shorts, to ruffle my white hair.
I am John St. Helen from Enid, Oklahoma,
a lovesick suicide stuffed with straw.
My left leg is shorter, thus I am Booth?
I swallowed a B-engraved pendant for jealousy's
blue flame, so I am Booth? But shake my hand,
place my palm upon your true love's breast.

Lesen Sie auch: ➱John Brown,  ➱This Place of Memory

Dienstag, 24. März 2015

Kartätschenprinz


Hier reitet der Preußenprinz noch gemütlich mit dem Maler Franz Krüger an einem wolkigen Tag aus. Man nennt Franz Krüger auch den Pferde Krüger, weil er so schön Pferde malen kann. ➱Karl Gutzkow hat Krüger als den Hofmaler Professor Lüders in seinen Roman Die Ritter vom Geiste hineingeschrieben, als einen Künstler, den die niedrigste Servilität zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte. Das ist nicht sehr nett. Lesen Sie das nicht, lesen Sie lieber den Post ➱Franz Krüger. An diesem Tag im Jahre 1836 ist die Welt in Preußen noch in Ordnung, zwölf Jahre später sind die Wolken dunkler geworden. Da ist der Prinz, den seit Vater mit neun Jahren zum Leutnant gemacht hatte, schon Generalmajor. Und er bekommt von den Berlinern auch einen neuen Namen, er heißt nur noch der Kartätschenprinz.

Sein Ruf war eh nicht der beste. Im Nachlass von ➱Varnhagen von Ense finden sich die Sätze: Man fragte, warum alle unsre Prinzen, die Brüder des Königs nämlich, so verhaßt seien? Die Antwort war: „Seit zwanzig Jahren hört man von keinem irgend einen schönen Zug, weder der Großmuth noch der Güte, oder geistiger Kraft, sondern nur schmutzige Geschichten, Liederlichkeit, Geldgier, nur von engherzigen Aeußerungen, Stolz und Grobheit, übermüthigem Benehmen; wo soll da die Liebe, wo das Ansehn herkommen?" Ich bringe nicht so furchtbar viel Begeisterung für die Preußen auf. Was wohl daran liegt, dass ich einige von den Kindern von Louis Ferdinand kennengelernt habe (ich habe das schon in den Posts ➱Geburtstag und ➱Plagiat gesagt). Und so sehr ich Fontane liebe, manchmal ist mir seine Verehrung der Preußen etwas zu viel. Ich kann da unbedingt die Lektüre des Buches Gegen-Wanderungen: Streifzüge durch die Landschaft Fontanes von Hubertus Fischer empfehlen

An seinem einundfünfzigsten Geburtstag am 22. März 1848 wird der Preußenprinz aus Berlin fliehen, er reist unter dem Decknamen Herr Lehmann in Begleitung des Kaufmanns Oelrichs nach London. Der Bremer August Friedrich (von) Oelrichs ist natürlich kein Kaufmann (wie der Rest seiner Bremer Familie), er ist Major im Stab des Regiments Garde du Corps. Er wird noch Generalleutnant werden und eines Tages seine Erinnerungen an das Jahr 1848 aufschreiben. Man kann sie unter dem Titel Ein Bremer „rettet“ den Kaiser: Die Flucht des Prinzen Wilhelm im Jahre 1848 aus Berlin immer noch kaufen.

Herr Lehmann wird in London nicht bei seiner königlichen Verwandtschaft wohnen, er quartiert sich im Hause des preußischen Gesandten Christian Karl Josias von Bunsen ein. Um es genauer zu sagen, er steht am 27. März morgens um acht Uhr unangemeldet vor der Tür der Nummer vier der Carlton House Terrace. Einige Familienmitglieder von Bunsen müssen zu Freunden ziehen, Preußenprinzen brauchen Raum (Sie können ➱hier die Erinnerungen von Bunsens Gattin, der walisischen Malerin Francis Waddington lesen). Dieser Bunsen ist ein erstaunlicher Mann gewesen, Diplomat und Gelehrter. Philologe, Ägyptologe und Theologe. Was wäre aus Florence Nightingale geworden, wenn Bunsen sie nicht in ihren Ideen bestärkt hätte?

Als Wilhelm in London residiert, singen die Berliner Spottlieder wie:

Komme doch, komme doch
Prinz von Preußen
komme doch, komme doch
nach Berlin
wir woll´n dir mit
Steine schmeißen
und das Fell
über die Ohren ziehn

Schlächtermeister,
Prinz von Preußen
Komme doch, komme doch
nach Berlin
Wir woll´n dir
mit Steine schmeißen
und auf die
Barrikaden ziehn

Während sein Bruder über Hamburg nach London flieht, wird der preußische König Friedrich Wilhelm IV die Toten des Barrikadenaufstands ehren. So oft nun ein neuer Zug Särge vorbeikam, trat der König barhaupt heraus und blieb stehen, bis die Särge vorüber waren. Sein Kopf leuchtete von ferne wie ein weißer Flecken. Es mag wohl der fürchterlichste Tag seines Lebens gewesen sein, schreibt der Maler Adolph Menzel (der natürlich auch einen ➱Post hat). Sein Bild Aufbahrung der Märzgefallenen hängt heute in der Hamburger Kunsthalle.

Bisher hab' ich wohl gewußt, dass Du ein Schwätzer bist, aber nicht, dass Du eine Memme bist! Dir kann man mit Ehren nicht mehr dienen, soll er seinem Bruder in der Nacht zum 19. März gesagt haben. Da prallen zwei unterschiedliche Naturen aufeinander. Der eine ein Kommisskopp, der andere ein Romantiker auf dem Königsthron, der für seine Schwester einmal den romantischen Roman Die Königin von Borneo geschrieben hat. Der Historiker Frank-Lothar Kroll hat das Fragment 1997 bei der Nicolaischen Verlagsbuchhandlung herausgegeben. Er sagt in seinem Nachwort: Insoweit erweist sich „Die Königin von Borneo“ als eine veritable Quelle zum Verständnis der komplexen Persönlichkeit des vielleicht merkwürdigsten Hohenzollernkönigs: eine kleine Facette nur, ein marginales Streiflicht – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sie können unterschiedlicher nicht sein, die Söhne der Königin Luise. Sie hat ihren Sohn Carl als das schönste ihrer Kinder bezeichnet. Der General der Infanterie Carl von Preußen, ein Kunstfreund, der ➱Schinkel für sich bauen lässt, wird 1848 nicht auf seine Landsleute schießen lassen. Er bleibt in Berlin und stellt sein Palais für Bürgerversammlungen zur Verfügung. Der Romantiker Friedrich Wilhelm setzt sich durch, er schickt den Bruder, der gerade seinen Säbel aufs Parkett geschmissen hat, nach England, um dem befreundeten englischen Hof Aufschluß und Aufkärung  über die hiesigen Zustände und die hiesigen Ereignisse zu geben.

Und während sein Bruder sich den Bart abrasiert und Zivilkleider anlegt, schreibt Friedrich Wilhelm die ➱Proklamation An meine lieben Berliner, wo von einer Rotte von Bösewichtern, meist aus Fremden bestehend die Rede ist, die so die gräulichen Urheber von Blutvergießen geworden sind. Und natürlich haben seine Truppen, Eure Brüder und Landsleute, haben erst dann von der Waffe Gebrauch gemacht, als sie durch viele Schüsse aus der Königsstraße dazu gezwungen wurden. Am 21. März 1848 war der König mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe durch Berlin geritten, schrieb aber insgeheim seinem Bruder: Die Reichsfarben musste ich gestern freiwillig aufstecken, um Alles zu retten. Ist der Wurf gelungen […], so lege ich sie wieder ab!

Wir haben viele ➱Berichte von den Straßenkämpfen. Ich zitiere einmal einen Zeitzeugen, der ein berühmter Schriftsteller geworden ist: Draußen hatte sich das Bild rasch verändert. Die Straße wirkte wie gefegt, und nur an den Ecken war man mit Barrikadenbau beschäftigt, zu welchem Zweck alle herankommenden Wagen und Droschken angehalten und umgestülpt wurden. In meinem Gemüt aber wurden plötzlich allerhand Balladen – und Geschichtsreminiszenzen lebendig, darunter dunkle Vorstellungen von der ungeheuren Macht des Sturmläutens; alles Große, soviel stand mir mit einem Male fest, war durch Sturmläuten eingeleitet worden. Ich lief also, ohne mich lange zu besinnen, auf die nur fünfzig Schritt von uns entfernte Georgenkirche zu, um da mit Sturmläuten zu beginnen. Natürlich war die Kirche zu – protestantische Kirchen sind immer zu –, aber das steigerte nur meinen Eifer und ließ mich Umschau halten nach einem Etwas, womit ich wohl die stark mit Eisen beschlagene, trotzdem aber etwas altersschwach aussehende Tür einrennen könnte.

Richtig, da stand ein Holzpfahl, einer von jener Art, wie man sie damals noch auf allen alten und abgelegenen Kirchplätzen fand, um, nachdem man eine Leine von Pfahl zu Pfahl gespannt, Wäsche daran zu trocknen. Ich machte mich also an den Pfahl und nahm auch zu meiner Freude wahr, daß er schief stand und schon stark wackelte; trotzdem – wie manchmal ein Backzahn, den man, weil er wackelt, auch leicht unterschätzt – wollte der Pfahl nicht heraus, und nachdem ich mich ein paar Minuten lang wie wahnsinnig mit ihm abgequält und sozusagen mein bestes Pulver – denn ich kam nachher nicht mehr zu rechter Kraft – an ihm verschossen hatte, mußt' ich es aufgeben. Mit meinem Debüt als Sturmläuter war ich also gescheitert, soviel stand fest. Aber ach, es folgten noch viele weitere Scheiterungen. Der junge Berliner Apotheker wird kein Held der Revolution. Und bis er ein berühmter Schriftsteller wird, ist es auch noch einige Zeit hin. Aber dreißig Jahre später schreibt er seinen ersten ➱Roman: Vor dem Sturm.

Als Wilhelm im Sommer 1848 wieder von seiner Flucht ins Exil (die nachträglich zu einer diplomatischen Mission umgedeutet wurde) nach Berlin zurückkehrt, hatte ihm sein Bruder schon das Kommando über das Regiment Garde du Corps entzogen, aber ein Jahr später darf er in der Pfalz und in ➱Baden wieder auf Deutsche schießen. Und wieder singt man Lieder gegen ihn (gesungen nach der Melodie des Liedes Sie sollen ihn nicht haben den freien deutschen Rhein):

Wir wollen ihn nicht haben
Den Schild der Despotie
Der für der Freiheit Gaben
Nie fühlte Sympathie
Der nur die Frucht vom Fleiße
Des armen Volks genießt
Und dann als erster Preuße
Dasselbe niederschießt

Seinen Gegnern in Baden bleibt (wie vielen demokratischen Revolutionären) nur die Emigration. Viele gehen nach Amerika. Wie Friedrich Hecker, der ➱hier schon einen Post hat. Oder ➱Franz Sigel und ➱Carl Schurz. Oder der nach dem Dresdner Maiaufstand zum Tode verurteilte Uhrmacher Karl Fasoldt, der sich in der neuen Welt ➱Charles Fasoldt nennt und die schönsten Taschenuhren des 19. Jahrhunderts bauen wird. Es ist ein gewaltiger brain drain, den Deutschland beklagen sollte. Aber Deutschland klagt nicht. Weil wir von Männern in Uniform, die auf einem Pferd sitzen, begeistert sind.

Wilhelm wird deutscher Kaiser werden, dann heißt er nicht mehr Lehmann oder Kartätschenprinz, dann ist er Wilhelm der Erste. Bismarck wäre nichts ohne ihn, und er wäre nichts ohne Bismarck. Es ist eine deutsche Männerfreundschaft. Dieses Jahr scheint ein Bismarck Jahr zu sein, aber das wird bei mir wohl nicht gefeiert. Da müssen Sie schon mit dem Post ➱Heringe vorliebnehmen. Wenn Wilhelm ganz oben angekommen ist, dann singt man natürlich keine Spottlieder mehr, dann singt man (leicht umgedichtet) das Lied, das der Flensburger Pfarrer ➱Heinrich Harries einst auf einen Dänenkönig geschrieben hat:

Heil dir im Siegerkranz,
Herrscher des Vaterlands!
Heil, Kaiser, dir!
Fühl in des Thrones Glanz
die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volks zu sein!
Heil Kaiser, dir!

Und überall in Deutschland wird man Denkmäler für ihn bauen, mehr als tausend. Meistens sitzt er zu Pferd. Die Märzgefallenen bekommen keine Denkmäler, die haben einen Friedhof.

Lesen Sie auch den Post ➱Kaiser Wilhelm I bei MartininBroda